Karnevalsstory Nike 2019 02 25

Es ist Montag. Und ich freue mich ungewöhnlicherweise schon seit gestern, als ich bemerkte, dass nur noch eine blau-weiße, ursprünglich gelbe Scheibe Edamer und ein Actimel mit Erdbeergeschmack von 2017 in meinen Kühlschrank lagen, auf heute. Von daher war das erste, was ich heute tat, meinen DM-Baumwollbeutel zu suchen und mich auf den Weg zum örtlichen Supermarkt zu machen.

Ich erwische drei gerade so grüne Ampeln und weiche viereinhalb Hundehaufen aus, bis ich endlich das leuchtende „A“ sehe. Ich ekele mich jedes Mal, wenn mir die Luft von der Heizung beim Betreten des Supermarkts durch die Haare weht und mich nahezu zu bedrängen versucht. Als ich dann an den gestapelten Wasserflaschen vorbei bin und von den ganzen Zerealien überrumpelt werde, schnappe ich mir meine Cornflakes und gehe in Richtung der gekühlten Ware. Da ich meine Cornflakes vorzüglich mit Actimel, natürlich mit Erdbeergeschmack, esse, greife ich bei der Aufschrift 75ml GRATIS natürlich ordentlich zu. Als ich dann anstrebe, mich auf die Kasse zuzubewegen, mein Blick aber noch kurz die Sonderangebotsabteilung streift, stockt mir der Atem. Neben den Schokoladenweihnachtsmännern, Lebkuchen und Spekulatius, die, da die besinnliche Zeit seit einem guten Monat um ist, stark reduziert sind, befinden sich Luftschlangen, irgendwelche sicherlich äußerst hochqualitativen Kostüme und, wenn das nicht schon genug wäre, tausende von Schaumstoffclownsnasen. Und schlagartig bemerke ich: bald ist Karneval! Ich versuche etwas Positives in dieser Feststellung auszumachen, bis ich endlich einen Grund gefunden habe und mir einfällt, dass wir auf der Arbeit noch ein Maximal-1-Euro-Wichteln nachzuholen haben. Ich sehe mir das Preisschild der Schaumstoffclownsnasen an und frage mich, ob es gerechtfertigt ist, einem karnevalsbegeisterten rheinischen Kollegen, eine 25-Cent-Schaumstoffclownsnase zu einem Maximal-1-Euro-Wichteln zu schenken. Als mich der Schokoladenweihnachtsmann mit seinem so derart verunsichernden Lächeln ansieht, komme ich im Endeffekt auf eine Kombination zweier völlig kontrastreicher Gegenstände, die sich in ihrem Zweck und Anlass sowas von unterscheiden, die aber mein Wichtelgeschenk für das Maximal-1-Euro Wichteln mit einem Preis von insgesamt 99 Cent ausmachen. Als ich nach 15 Minuten Wartezeit immer noch an der Kasse stehe, sehe ich mir die Schaumstoffclownsnase genauer an. Es ist einfach ein hässlicher roter, runder Schaumstoffball, in den man wahrscheinlich mal aus Langeweile hereingeschnitten hat. Und wofür? Damit man eine Verkleidung für ein ziemlich nervtötendes, ohrenbetäubenderes Prozedere hat. „Zehn Neunundachtzig macht das dann,“ reißt es mich auf meinen Gedanken.

Ich spute mich, um zu Hause noch meine heißgeliebten Cornflakes mit Erdbeeractimel zu verzehren und mich dann auf den Weg zum Büro zu machen. Als ich mich an der Rezeption angemeldet und mich die uralte Hündin unserer Abteilungsleiterin begrüßt, höre ich schon, wie Manuela mit ihren Absatzschuhen strammen Schrittes auf mich zukommt. „Grüß dich Karlos! Tschuldige, dass ich dich in deinem Begrüßungskomitee störe, aber könntest du bitte etwas über die örtlichen Karnevalszüge ausfindig machen. In 12 Tagen ist Karneval und im Stadtanzeiger kann man noch nichts dergleichen erkennen.“ „Ach im Supermarkt aber schon,“ lache ich. „Kannst du nicht Theophil fragen? Der ist doch so ein Karnevalsjeck.“ Sie schüttelt den Kopf, mit einem Lächeln wohlbemerkt. Als ich meinen Artikel zu schwebenden Untertassen, die von einer 78-jährigen Inhaberin eines Katzenfachhandels gesichtet wurden, fertiggestellt habe, ist es Viertel nach zwölf und ich begebe mich in die Kantine, in der auch Theophil auf mich wartet. „Tach Karlos.“ „Tag Theophil, alles fit? Wie läufts im Dreigestirn?“ Was man dazu anmerken muss, ist, dass er von klein an der Prinz im Dreigestirn war und sich dieses Jahr mit der Perücke der Jungfrau zufrieden geben muss. Seine Miene verzieht sich zu seinem unverwechselbaren Lächeln, das seine roten Hamsterbäckchen zu seinen Ohren schiebt. „Milchreis oder Wildlachsfilet mit Rosmarin-Kartoffeln?“ unterbricht uns die Kantinenfrau. Mein Blick streift das rosa-braune Etwas und die Kartoffeln, welche als Rosmarin-Kartoffeln bezeichnet werden. „Milchreis bitte“.

An unserem Stammtisch wartet Theophil mit seinem Wildlachsfilet und den sogenannten Rosmarin-Kartoffeln auf mich. Angelika und Thorsten setzen sich auf zwei der drei restlichen freien Plätze. „Ich schmeiß ne Garagenparty an Rosenmontag, ihr könnt gerne kommen.“ Thorsten schiebt sich einen Löffel Milchreis in den Mund. „Klar kommen wir, stimmt‘s Karlos?“ entgegnet mir Theophil. „Ach komm schon, du weißt genau, was ich von dem Ganzen halte.“ „Och, du bist so ne Spaßbremse, wir gehen doch nicht an den Hauptbahnhof oder an sonstige Hot-Spots, nur ne ganz lockere Garagenparty, komm schon Karlos!“ Thorsten zwinkert mir zu. Ich stochere mit meinem Löffel in meinem Milchreis und überlegte, ob ich jetzt aus Prinzip nein sage und mich wie jedes Jahr Karneval in meine Wohnung zurückziehe und Plants vs Zombies spiele oder ob ich den coolen lässigen Kooperativen raushängen lasse. Angelika schaut von ihrem Handy auf. „Also ich komm auf jeden Fall.“ „Ich guck mal.“ Ich bewundere das Muster, das ich in meinen Milchreis geschaffen habe.

Um 14.30 Uhr findet wie jeden Montag unsere Wochenbesprechung statt. Dadurch, dass mein Kopf noch wegen der telefonischen Konversation mit der Katzenfachhandelinhaberin bezüglich der Bildrechte dröhnt, bin ich froh, dass wir heute unser verspätetes Maximal-1-Euro-Wichteln nachholen. Theophil freut sich über die Schaumstoffclownsnase und den Schokoladenweihnachtsmann, obwohl er den Transport nicht ganz überlebt hat. Ich packe begeistert die Yu-Gi-Oh!-Karten aus, stelle aber fest, dass ich alle schon habe. Ich frage mich, woher die Neue von meiner Leidenschaft zu Yu-Gi-Oh!-Karten wusste. Sieht man mir das an, oder hat Angelika mal wieder bei den Damen rumgetratscht? Ein Lächeln kann ich jedoch nicht zurück halten.

Mein Wecker klingelt. Glücklicherweise bin ich einer der Menschen, der unmittelbar nach dem Klingeln des Weckers aufsteht. Es scheint mir wie ein ganz gewöhnlicher Tag, ich setze meine geekartige Brille auf, ziehe meine roten Socken an und gehe Richtung Fernseher, der noch von gestern Abend läuft, da ich die Selbstausschaltungsfunktion vor Jahren mal ausgeschaltet habe. Die Live-Übertragung des Kölner Karnevals würdigt den Morgen ziemlich herab. Karneval. Ich finde es einfach überflüssig. Der Konsum von jeglichem nimmt zu, und es ist für meine Verhältnisse einfach zu viel los. Es liegt einfach nicht in meiner Natur, auf Partys zu gehen, zu feiern, oder generell unter Leuten zu sein. Geschweige denn von der ganzen Fröhlichkeit und Euphorie, die aufkommt. Es ist für mich erschreckend, dass die Leute einen Feiertag brauchen, um glücklich und freundlich, verbunden mit dem Einfluss der Berauschungsmittel, zu sein. Das Ausschlaggebende, warum ich kein Karneval feiere, ist jedoch, dass sich mein Obi-Wan-Kostüm in meinem Keller befindet und es mir die Zwecke des Karnevals weder Wert sind, mich in meinen Keller zu begeben, noch Geld für ein neues Kostüm auszugeben. Mein Handy summt. Ich versuche, es aus der Sofaritze zu fischen. Ich gucke auf den Bildschirm. „3 Benachrichtigungen aus 2 Chats“. Der Fingerscan funktioniert wie gewöhnlich nicht. Theophil: „Wo bleibst du?“ Thorsten: „Kommst du heute?“ „Ich muss einplanen, wie viele Berliner ich kaufen muss.“ Mein Blick wechselt zwischen Handy-Bildschirm, der Live-Übertragung im Fernsehen und meinem Kellerschlüssel, der auf dem Fensterbrett liegt. Springende Menschenmengen im Fernsehen. Nachricht von Theophil: „????“. Kellerschlüssel liegt auf dem Fensterbrett. Neue Band kommt auf die Bühne. Nachricht von Theophil „??“ Kellerschlüssel liegt auf dem Fensterbrett. Leute klatschen und schreien. Nachricht von Theophil: „Du musst auch mal unter Leute.“. Kellerschlüssel liegt auf dem Fensterbrett. Ich stehe auf, nehme den Kellerschlüssel, verlasse meine Wohnung und nehme die Stufen in den Keller. Ich spüre die Kälte des betonierten Bodens durch meine Socken. Ich hasse den Keller. Seit dem ich eine Phase hatte, in der ich eindeutig zu viel Five nights at Freddy’s gespielt habe, bin ich etwas sensibler, was Keller, Nacht, Dunkelheit und Kuscheltiere angeht. Ich laufe zu meinem Kellerraum und treffe nach fünf Versuchen endlich das Schlüsselloch. Das letzte Mal habe ich anscheinend zwei Mal abgeschlossen, da sich die Tür nach einem Schlüsseldrehen noch nicht öffnen lässt. Ich betrete den Raum erst, nachdem es das Kellerlicht nach etlichen Versuchen geschafft hat, anzuspringen. Ich stürze mich auf das aus silbernen Eisenstangen gebaute Regal und lese die Aufschriften der Pappkartons. Geschirr. Badezimmer. Computer. Keine Aufschrift. Die Letztere hole ich aus dem oberen Regal und bücke mich. Ich krame, nachdem ich eine Plastikblume und eine alte Seifenschale in der Hand halte, finde ich endlich mein heiß geliebtes Obi-Wan-Kostüm.

„Tach Karlos, da biste ja endlich, ich dachte schon du kämst nicht.“ Theophil schlägt mir mit seinem Laserschwert auf die Schulter. Er hat sein Darth-Vader-Kostüm an, jedoch hat er die Maske, welche das Kostüm eigentlich aussagekräftig macht, abgesetzt, um den Inhalt seines Bierglases konsumieren zu können. „Bierchen?“ kommt Thorsten mir entgegen. Ich lehne dankend ab. „Tschuldigt, bin was später, musste noch die Wäsche machen.“ Meine Mundmuskulatur kommt leider nicht gegen mein Schmunzeln an, da ich genau weiß, dass ich keine Waschmaschine besitze und an jedem Dienstag, der sich in einer Kalenderwoche befindet, bei der die letzte Zahl gerade ist, zum Waschsalon latsche. „Schönes Kostüm haste da.“ In Erinnerung, an die Nerven, die mich dieses gekostet hat, nicke ich Theophil zu und begutachte seine Maske. „Die hat sogar einen Stimmverzerrer eingebaut.“ „Cool, cool.“ Theophil und ich sind große Star-Wars-Fans und die einzigen im überschaubaren Umfeld, die sich nicht als Rot-Weiß oder Cowboy verkleidet haben. „Ach, ich hab dir noch gar nicht erzählt…“ Theophil reißt seine Augen auf. „Der Typ im Dreigestirn erwies sich als so freundlich und hat die Perücke der Jungfrau hingenommen.“ „Da haste aber Glück gehabt,“ schreie ich nahezu, weil die Musik so laut ist. Nachdem ich mir eine Stunde diese grässliche Musik angehört habe, wird jede Sekunde, die ich mir ein Weiteres „Und wenn dat Trömmelsche…“ anhören muss zur Überwindung. Theophil ist mit irgendeiner, mir unbekannten Dame im Katzenkostüm am tanzen und Thorsten und Angelika sind auch schon völlig zu. Ich rufe ein ironisches „Prost, ihr Narren!“ in die nicht mehr überschaubare Runde, bei der ich das Gefühl bekomme, dass meine Wortmeldung von dieser lediglich ohne Kenntnisnahme verschlungen wird. Auf dem Rückweg gehe ich am Marktplatz vorbei, der mich eigentlich sonst nur als Pokestop anzieht. Dass ich den Karnevalsumzug wahrnehme, lässt mich stoppen, basierend auf dem inneren Konflikt zwischen „Habe ich mich jetzt für diese eine Stunde in diese brechende Kälte gedrängt, nur um zu dieser Garagenparty zu gehen? Wenn ich schon mal draußen bin, dann kann ich doch wohl auch…“ „Nein, ich friere mir den Allerwertesten ab und muss noch einen Angriff im Clankrieg bei Clash of Clans machen…“ Ich lasse mich von der fröhlichen Masse anstecken und gehe an den Straßenrand. Neben mir ist ein kleiner Mensch, genaueres kann ich nicht erkennen, da dieser in einem Yoda-Kostüm steckt. Ich bewundere den Zug und stecke dem Yoda neben mir alle Süßigkeiten, Bällle, Schwämme und Taschentücherpackungen in den Beutel, die ich in die Hände bekomme. Der Zug neigt sich dem Ende zu. Die Menschenmasse wird unkontrollierter, da sie keinen Fokus mehr hat. Auf der Straße haben sich etliche Bonbons auf den Asphalt gestanzt. Eine Tipp-Berührung an meiner Wade unterbricht meine beginnende pessimistische Denkensphase und ich drehe mich um. Mein Blick richtet sich gen Boden und ich erblicke den kleinen Yoda. Er streckt mir seine Hand entgegen, in der ein Maoam-Bloxx mit Erdbeergeschmack liegt. „Oh danke.“ Ich lächle und erfreue mich darüber, dass das braune Gewand von Obi-Wan über Seitentaschen verfügt. Ich beschließe den Heimweg anzutreten, rufe noch ein „Und möge die Macht mit dir sein!“ hinterher und hoffe, dass das jetzt nicht zu fanatisch klang.

Zu Hause angekommen, schmeiße ich mich auf meine Couch, bei deren Anblick ich mir jedes Mal über eine Neuanschaffung Gedanken mache und hole das Maoam-Bloxx mit Erdbeergeschmack aus der Seitentasche des Gewands. Ich fische mein Handy aus der Sofaritze und stelle fest, dass der Clankrieg noch 6 Minuten und 33 Sekunden andauert. Glücklich und zufrieden kaue ich mein Maoam-Bloxx mit Erdbeergeschmack und absolviere einen 3-Sterne-Angriff.

Nike van Son (9.1)