SuicideSanta 2018 12 182

Die Schlagzeile sprang mir sofort ins Gesicht, sie war ja auch mindestens mit Schriftgröße 130 gedruckt worden. „WO BLEIBT SANTA!? DIE GANZE WELT OHNE WEIHNACHTSGESCHENKE!“. Selbst meine Tochter erhielt ihren lang ersehnten Schminkkasten nicht vom Weihnachtsmann, obwohl sie dem Weihnachtsmann einen langen Wunschzettel mit persönlichen Wünschen an den Nordpol geschickt hatte. Ich selbst habe mir ein neues Dietrich-Set gewünscht, was leider auch nicht angekommen ist, da dies in meinem Beruf unabdinglich ist. Ich selbst leite mit meinem besten Freund Fred eine Privatdetektei, die Fälle von Diebstahl über schwerer Körperverletzung bis hin zu Mord annimmt. Wobei das Ausbleiben von Weihnachtsgeschenken wirklich merkwürdig ist und gestern sogar die Kanzlerin eine offizielle Ansprache gehalten und sich bei allen Kindern entschuldigt hat. Ich jedoch denke, dass dieses Vorkommnis rein gar nichts mit der Regierung und vielmehr etwas mit Santa persönlich zu tun hat. Vielleicht ist er kurz vor Weihnachten erkrankt oder seine Rentiere sind verhindert oder, vielleicht noch schlimmer, seine Wichtel haben ihm nach all der Zeit gekündigt. Sogar mein Freund Fred denkt, dass hinter dem Ausbleiben der Geschenke etwas Größeres steckt. Bisher weiß man nur, dass die wenigen Christen, die in Japan leben, von Santa beliefert wurden. Über dieses äußerst merkwürdige Thema soll auch heute Abend eine Talkshow im Zweiten laufen, die sich meine Frau mit mir unbedingt ansehen will, da uns beide dieses Thema total verwirrt.

- nach der Fernsehsendung -

In der Talkshow wurde zwar von den beiden anwesenden Politikern beteuert, dass das Ausbleiben der Geschenke etwas mit der politischen Situation in Deutschland zu tun habe. Jedoch beteuerte der eingeladene Meteorologe auch, dass es keine Extremen Wetterschwankungen in der Nacht des 24. Dezember gegeben hat. Heißt, Santa hätte seine Route über den Globus machen können, was aber nicht passiert ist. Ich möchte mich definitiv morgen mit Fred in unserer „Zentrale“, wie wir sie nennen, treffen und mich mit ihm über die seltsamen Vorkommnisse unterhalten.

- am nächsten Tag -

Fred kam, wie gewohnt, zu spät in die Detektei. Ich war, wie immer eine halbe vor unserer Verabredung im Büro angekommen und habe mir schon einmal sämtliche Berichte im Fernsehen und auf YouTube angeschaut, um mir einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Ich hatte Fred und mir sogar schon einen Kaffee mit unserer neu angeschafften Kaffeemaschine gemacht. Die Tassen, die mit dem Logo unserer Detektei bedruckt waren, standen auf unseren Tischen und wurden schon allmählich kalt. Fred baute sich mit einem grinsenden Gesicht vor mir auf und sagte mir: „Wollten wir nicht nach Japan, um dort Santa zu suchen, um das „Geheimnis“ um die ausgebliebenen Geschenke zu klären? Wie es der Zufall will habe ich heute Post von einem Reisebüro bekommen, bei dem ich an einem Gewinnspiel teilgenommen habe. Sie schenken uns eine einwöchige Reise nach Tokio in Japan. Und das Beste kommt erst noch: Das Reisebüro hat keine Kosten und Mühen gescheut, wir werden im besten Hotel Tokios untergebracht sein, dem Palace Hotel Tokyo! Das heißt während wir da nach Santa suchen, machen wir es uns in einem 5-Sterne Hotel gemütlich. Ist das nicht toll?“ Nachdem ich vor Freude aufgesprungen war, lag mir jedoch eine Frage auf der Zunge: „Ähhm Fred? Zahlt das Reisebüro uns auch den Flug nach Tokio?“ „Na das ist doch logisch! Natürlich zahlen die uns den Flug. Ich zitiere: Ihnen und einer Begleitperson ihrer Wahl wird ein einwöchiger all-inclusive Urlaub in Japan, Tokio geschenkt. Wir übernehmen jegliche Kosten für Flug, Mietwagen, Hotel (selbstverständlich Vollpension) und sie bekommen noch einen 500€-Reisegutschein für sämtliche Restaurants, Bars, Freizeitparks, Kinos, etc. Ihr Lieblingsreisebüro Schmidtke. Ist deine Frage damit geklärt?“, fragte Fred lachend, „ALL INCLUSIVE, wir können uns da so richtig gehen lassen, während wir den Weihnachtsmann suchen. Sogar ein Mietwagen ist dabei!“ „Aber Fred, bist du dir sicher, dass du die Reise mit mir antreten möchtest? Nicht mit deiner Frau?“ „Nein ich habe mit Brigitte gesprochen und sie steht total hinter unserem Vorhaben.“ „Okay, aber ich bitte dich, diese Entscheidung nochmal zu überdenken, okay Fred?“ „Ja ist okay, aber sie steht wirklich total dahinter.“

Der Tag war für mich mehr oder weniger gelaufen, ich war extrem glücklich, wir hatten vor, in 6 Tagen am Freitag aufzubrechen und dann eine Woche in Tokio zu verweilen. Wobei Fred und ich vorhaben, auch außerhalb von Tokio nach Spuren des Weihnachtsmannes zu suchen. Es besteht ja die Möglichkeit, dass Santa eventuell verunglückt ist und wir ihn bergen müssen. Oder dass er entführt wurde und wir einmal quer durch Japan müssen, um ihn zu befreien. Wobei wir ja praktisch ein Sieben-Tage-Ultimatum haben, da uns das Hotel nur die eine Woche bezahlen wird. Vor allem steht in dem Brief in der unteren rechten Ecke (natürlich kleingedruckt), dass wenn wir unseren Urlaub auf eigene Tasche verlängern wollen, uns der Rückflug nicht bezahlt wird. Das heißt, dass uns „nur“ eine Woche bleibt, um Santa zu finden. Wobei es eigentlich schon Glück genug ist, dass wir beziehungsweise Fred überhaupt gewonnen haben.

Also sollten wir jetzt bald unsere sieben Sachen packen und uns mental auf diese Reise vorbereiten. Wobei schon der Flug für mich das spannendste auf dieser Reise werden könnte. Denn ich habe wahnsinnige Flugangst und bei einem 11½-stündigen Flug ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass wir z.B. in Turbulenzen geraten und ich Panikanfälle bekomme. Wobei Fred mich diesbezüglich auch schon mit der Tatsache beruhigt hat, dass das Flugzeug die sicherste Art zu reisen ist. Jedoch ist meine Meinung zu diesem Thema sehr zwiegespalten, da wenn ein Flugzeug abstürzt, es gleich 300 Menschen mit in den Tod reißt. Doch auch ich bin natürlich schon voller Vorfreude auf Japan, obwohl wir eigentlich dort sein werden, um diese Sache mit dem Weihnachtsmann aufzuklären . . .

- 29.12. Tag des Abfluges -

Fred und ich durften an diesem Tag wenigstens ausschlafen, da wir erst um 7 Uhr in Tokio landen sollten und da unser Flieger deshalb erst um 10:30 startete. Ich traf Fred um 9 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Frankfurter Flughafen. Wir waren beide sehr gespannt auf den Flug und natürlich auch das Hotel und vor allem Japan beziehungsweise Tokio. Wir machten uns beide mit unseren Trolleys auf den Weg Richtung Check-In. Nachdem wir dort unsere Koffer abgegeben hatten, mussten wir uns sehr beeilen, um noch rechtzeitig zu unserem Gate zu gelangen. Doch zuerst durften wir ja durch die Sicherheitskontrolle: Fred wurde sofort durchgewunken, ich jedoch hatte vergessen meinen Gürtel auszuziehen und erlebte einen der peinlichsten Momente in meinem bisherigen Lebens: Die Dame von der Security machte mir deutlich, dass ich meinen Gürtel ausziehen sollte. Ich versuchte ihn auszuziehen, aber ich verhedderte mich mit der Schnalle und brauchte geschätzte zwei Minuten um diesen Gürtel auszuziehen. Danach wurde ich dann auch durchgewunken und holte mein Handgepäck ab, was in der Zwischenzeit durchleuchtet wurde. Fred und ich machten uns nun auf den Weg, während eine metallene Stimme über uns verkündete: „The Boarding of Flight 0583 starts in 5 minutes.“ Fred und ich tauschten nur einen Blick aus und rannten durch die Duty-Free-Shop-Abteilungen in Richtung unseres Gates. Wir kamen noch rechtzeitig zum Gate und fanden unsere Sitzplätze im Flugzeug. Als wir unser Handgepäck verstaut hatten und ich mich gerade mit meiner Kaugummi-Dose auseinandersetzte, machte der Pilot des Flugzeuges eine Durchsage. „Welcome on board, my name is Christian Schmitz and I am your pilot for your flight from Frankfurt to Tokyo. We hope you enjoy the flight but we have a little snowstorm out there so we have to wait until its over.“

Nachdem der kleine Schneesturm vorbei war, starteten wir dann auch unseren Langstreckenflug nach Tokio. Da wir in der teuersten Klasse flogen, war es geradezu selbstverständlich, dass wir uns sämtliche Filme in einer Online-Bibliothek anschauen konnten. Das hatte den Vorteil, dass der Flug sehr schnell verging und wir nach 11½ Stunden in Tokio landeten. Wir machten uns mit dem Bus auf den Weg zu unserem Hotel, welches im Stadtinneren liegt. Das Hotel soll, laut Kundenbewertungen auf zahlreichen Reiseportalen, das schönste und beste Hotel in ganz Japan sein. Und so sah dieses Hotel auch aus: Es ist ein weißer gebogener Palast, der an einem See liegt. Und das Beste erwartete uns im Hotel selber: Der glänzende Marmorboden, die marmornen Treppen, die von einem roten Teppich überzogen sind. Das gesamte Foyer war einfach umwerfend, glamourös ausgestattet. Wir wurden von einer Empfangsdame und zwei Kofferträgern zu unserem Zimmer begleitet. Auch unsere Suite war so teuer eingerichtet, wie die Rezeption. An der Wohnzimmerwand befand sich ein 4K QLED UHD Flachbildschirm und an einigen Wänden hingen Ölgemälde, die wohl auch einen gewissen Geldwert besitzen. Als ich in mein Schlafzimmer ging, fand ich ein purpurrotes Himmelbett vor. An der einen Wand war ein riesiger Schrank aus poliertem Mahagoni und an der Wand gegenüber dem Bett befand sich ein weiterer Flachbildschirm. Die letzte Seite meines Schlafzimmers war mit einem kleinen Schreibtisch, ebenfalls aus Mahagoni, bestückt worden. Und wenn man an diesem Schreibtisch saß, konnte man durch eine riesige Fensterfront auf Tokio hinunterblicken. Ich traf Fred im Wohnzimmer wieder, wo er gerade den Fernseher ausprobierte. Auch er war vollkommen begeistert von seinem Schlafzimmer, was in etwa so aussehen musste wie meines. Auf dem Küchentisch fand ich dann schließlich eine Flasche feinsten Champagners und wir stießen erst einmal auf diesen gelungenen Tag an und gingen dann schließlich um 13 Uhr schlafen, da wir beiden einen enormen Jetlag hatten.

Wir hatten vor, am nächsten Morgen um 7 Uhr aufzustehen und uns erst mal einen Überblick zu verschaffen. Danach wollten wir einige christliche Familien besuchen, mit denen Fred schon von Deutschland aus Kontakt aufgenommen hatte. Wir wollten mit ihnen über ihre Weihnachtsgeschenke und den Weihnachtsmann reden. Wir hatten ausschließlich vor, ausgewanderte deutsche Familien zu besuchen, da Fred und ich des Japanischen nicht mächtig sind und unser Englisch auch nicht mehr so gut ist. Die erste Familie, die wir besuchen wollten, wohnte nicht weit von unserem Hotel entfernt in einem relativ wohlhabenden Wohnviertel von Tokio. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg zu besagtem Wohnviertel. Als wir das Miethaus gefunden hatten, fuhren wir mit dem Aufzug in den 23. Stock, wo die Familie wohnt. Sie begrüßten uns sehr offen und erzählten uns sofort von ihrem Weihnachtsabend. Sie hatten nichts Außergewöhnliches erlebt, außer einem hellen Leuchten einer Sternschnuppe im Osten Tokios.

Wir bedankten uns bei der Familie und machten uns wieder auf den Weg zurück zu unserem Hotel. Fred und ich fassten noch einmal unsere gesammelten Informationen zusammen und kamen zu dem Schluss, dass unsere einzige Spur die Sternschnuppe war. Also entschlossen wir uns, uns auf den Weg in Richtung Osten zu machen. Wir fuhren mit unserem Mietwagen eines unbekannten japanischen Autoherstellers einfach Richtung Osten, um nach Hinweisen zu suchen. Zwei Stunden später sagte Fred zu mir: „Wir kommen gleich am Aokigahara vorbei. Meinst du wir sollten da einmal nachgucken? Schon allein wegen der Geschichte des Waldes, meine ich.“ „Ähhm Fred, was ist der Aokiga … Was?“, antwortete ich. Danach hielt mir Fred einen zwanzigminütigen Vortrag über den Aokigahara, den, wie ich jetzt weiß, japanischen Suizidwald. Laut Fred verschwinden in diesem Wald mehrere Japaner jährlich, und kommen nicht mehr zurück. Der Wald wird als verflucht bezeichnet und viele begehen dort Suizid. Ich aber fand diese Idee zu absurd, um dort nach Santa zu schauen. Doch Fred schaffte es, mich zu überzeugen und so fuhren wir auf den Parkplatz in der Nähe des Aokigahara. „Also du willst das wirklich machen, Fred?“ fragte ich noch einmal. Fred antwortete: „Ja natürlich, was soll schon passieren? Wir befestigen einfach einen Peilsender an unserem Auto und wir finden mit unseren Handys zurück, falls wir uns verirren.“

Dagegen konnte ich nichts einwenden, und so machten wir uns auf den Weg in das Innere des Waldes. Wir gingen den Hauptwaldweg entlang und suchten nach merkwürdigen Indizien für das Verschwinden des Weihnachtsmannes. Der Weg war uneben und es lagen große Mengen Laub sowie kleine Äste auf dem Weg. Als wir etwas weiter im Waldesinneren waren, sahen wir einen großen Baumstamm, der quer über dem Weg lag. Als wir uns dem Baumstamm näherten, sahen wir, dass an dem Baumstamm rote Stofffetzen hingen. Ich fragte Fred: „Meinst du das ist vom Weihnachtsmann? Also, der Stoff? Vielleicht hat er eine Bruchlandung hingelegt und liegt hier irgendwo. Lass uns mal hier weiter gehen, denn da ist noch ein weiterer Stofffetzen. Ich zeigte in Richtung eines spitzen Steines, wo der rote Stoff vom Felsen herunterhing. Als wir um den Stein herumgingen, erwartete uns ein schrecklicher Anblick: Graue Schuhe hingen von einem Baum herab. Unter den Schuhen lag ein großes Stück Seil. Und das, was zu den Schuhen gehörte, war noch schlimmer: Der Weihnachtsmann hatte sich wohl an einem Strick aufgehangen. Der leblose Körper des Weihnachtsmannes pendelte mit dem Rhythmus des Windes. Das war also der Grund, warum fast die ganze Welt keine Geschenke bekam. Santa ist tot. Aber warum? Warum nahm er sich das Leben?

Um diese Antworten zu erhalten, entschlossen wir uns, nach unserem Tokio-Urlaub einen Trip zur Werkstatt des Weihnachtsmannes zu unternehmen, um herauszufinden, wieso der Weihnachtsmann Suizid begangen hat. Doch als erstes meldeten wir den Suizid des Weihnachtsmannes der Polizei, damit diese den Tatort und seine Werkzeuge sicherstellen konnte. Und wir sollten unseren Urlaub hier in Tokio auch noch genießen, schließlich war er ja gratis. Also fuhren wir, nachdem wir die Polizei alarmiert hatten, nach Tokio zurück und aßen in unserem Hotel zu Mittag. Es gab Sushi auf einem Salatbett. Es war ein wahres 5-Sterne-Essen. Nach dem Essen gingen wir in unsere Suite und machten uns für eine Shopping-Erkundungstour durch Tokio fertig. Schließlich begaben wir uns auf den Weg in Richtung Einkaufsmeile. Die Tage in Tokio waren schnell vorüber, schneller als wir wollten, und so saßen wir am Abend unserer Abreise vor dem Fernseher und genossen einen der vielen Spielfilme, die es in der Online-Bibliothek des Hotels gab.

Am nächsten Morgen machten Fred und ich uns auf den Weg zum Flughafen, um pünktlich in den Flieger steigen zu können. Das Einchecken und der Flug verliefen ohne Probleme, und ehe wir uns versahen, waren wir in Frankfurt angekommen. Von dort aus ging es für uns sofort nach Hause, da unser Flug zum Nordpol in zwei Tagen stattfinden würde. Wir mussten unsere Klamotten waschen und die Koffer aus- und wieder einpacken. In den beiden Tagen zwischen den Flügen schrieb ich sehr viel mit Fred. Wir unterhielten uns darüber, was wohl passieren würde, wenn wir den Weihnachtswichteln sagen, dass ihr Chef, Santa Suizid begangen hatte. Würden sie wütend auf uns sein? Würden sie uns danken, dass wir es herausgefunden haben? Oder würden sie irgendetwas Unvorhersehbares machen und unseren Familien NIE wieder Weihnachtsgeschenke zustellen? Aber Fred und ich fühlten uns in der Pflicht, die Wichtel zu informieren und so machten wir uns mit einem eigens gecharterten Flugzeug am nächsten Morgen auf den Weg zum Nordpol.

Der Flug dauerte ungefähr solange wie der Flug nach Tokio, mit dem einzigen Unterschied, dass außer uns nur noch ein Pilot und ein Co-Pilot an Board waren. Fred und ich unterhielten uns über unsere Ankunft am einzigen Flughafen am Nordpol, und über die lange Distanz, die wir zu Fuß beziehungsweise mit Husky-Schlitten überwinden mussten. Dann sind wir auch am frühen Morgen in der Arktis angekommen. Als Fred und ich aus dem Flugzeug stiegen, wurde uns erst klar, auf was wir uns hier eingelassen hatten. Es war saukalt und uns wehte der eisige kalte Wind um unsere leichtbekleideten Körper. Wir rannten in das Foyer des kleinen Flughafens, von dem normalerweise nur Expeditionen starten und zogen uns um. Fred hatte sich extra ein komplett neues Set Winterkleidung angeschafft. Ich hatte noch meinen Schneeanzug vom letzten Skiurlaub meiner Familie. Ich war früher fertig als Fred, der noch mit seiner Jacke kämpfte. Als Fred fertig war, holten wir beide unsere Husky-Schlitten an einem kleinen Laden vor dem Flughafen ab. Wir machten uns auf in Richtung Nordpol, um die Weihnachtswichtel zu finden, und ihnen alles zu erklären, und um sie zu fragen, wie es denn nun weitergehen solle.

Als wir circa vier Stunden unterwegs waren, machten wir etwas am Horizont aus. Es war ein langer grauer Rauchschwaden, der über einer Hütte emporstieg. Ich schaute Fred an, der nur jubelnd seine unermüdlichen Huskys antrieb. Wir fuhren auf die Hütte zu, die uns immer näher kam, bis wir schließlich da waren. Es war eine höchstwahrscheinlich in Kleinstarbeit gezimmerte Fichtenholzhütte, die so groß war, wie vier aneinander gereihte Einfamilienhäuser. Über der Tür war ein Holzschild angebracht, welches in roter Schrift verkündete: „Dies ist das Zuhause des Weihnachtmannes und seiner Angestellten“. Fred klopfte zaghaft an die Tür und wir warteten, bis uns ein Wichtel die schwere Holztür aufmachte. Wir begrüßten ihn freundlich, doch er wollte nur eines wissen: „Wieso seid ihr hier?“, quiekte er. Ich antwortete: „Wir sind hier um euch mitzuteilen, dass euer Chef, der Weihnachtsmann, sich im japanischen Suizidwald Aokigahara das Leben genommen hat. Der Wichtel öffnete langsam den Mund, vermutlich um etwas zu sagen, doch nach einer Weile weinte er nur vor sich hin und schrie laut: „ALLE WICHTEL DES WEIHNACHTSMANNES! Kommt schnell an die Haustür, zwei Fremde haben euch eine wichtige Nachricht zu überbringen. Nach ungefähr vier Minuten befanden sich alle Wichtel vor uns und lauschten gespannt unseren Worten. Wir erklärten ihnen, dass Santa sich das Leben im Aokigahara genommen hat, und fragten die Wichtel nach Motiven für seinen Suizid.

Keinem der Wichtel fiel ein Motiv ein, bis auf einem kleinen Wichtel in der letzten Reihe. Er erklärte, dass er Santa abends mit sich selbst habe reden hören. Santa beklagte sich über die vielen Geschenke, die er jedes Jahr alleine austeilen soll, und über sein Alter, und sein Rheuma und allgemein seinen schrecklichen Zustand. „Ich denke, er brauchte einfach eine Pause, doch diese hatte er nicht. In der vorweihnachtlichen Zeit arbeitete er bis zur Erschöpfung, und ich denke, dass er die Leistung mit 85 Jahren einfach nicht zustande gebracht hat.“

Das war also das Motiv des Weihnachtsmannes: Überarbeitung und Stress. „Aber Wichtel, wie soll es denn nun weitergehen? Wer liefert statt Santa die Geschenke aus?“, fragte ich die Wichtel. Ein Wichtel, der höchstwahrscheinlich das Oberhaupt war, antwortete mir: „Wie wäre es, wenn wir Wichtel das jedes Jahr zusammen machen? In der Vorweihnachtszeit packen wir die Geschenke, und an Weihnachten tragen wir sie alle zusammen aus!“ Fred antwortete auf diesen Vorschlag: „Das ist wirklich eine gute Idee … Wann bekommen wir denn unsere Geschenke von diesem Weihnachten?“ „Das müssen wir dann gucken, aber ich denke wir werden es schaffen, sie in den nächsten zwei Tagen auszuteilen.“

- auf dem Rückflug -

Somit hatten Fred und ich höchstwahrscheinlich die Weihnachtsgeschenke der gesamten Welt gerettet. Doch im Endeffekt waren wir beide nur froh, bald wieder bei unseren Familien zu sein und dann, das etwas nach hinten verschobene, Weihnachten feiern zu können.

Niklas Grabowitz und Tilman Sprave (9.1)