Erasmus Ungarn23 2019 04 01

Wir sitzen im Zug, auf dem Weg nach Budapest. Viel Zeit, um über die vielen Eindrücke unserer Ungarnreise nachzudenken. Ich lese in der letzten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ein Interview mit der CDU-Vorsitzenden AKK. Der Titel: „Orbán erhält noch eine Chance. Es ist definitiv die Letzte“.

Deutliche, herausfordernde Worte. Oder ist das wieder diese viel zitierte deutsche Arroganz? Mein Eindruck ist, dass es oft recht schwierig ist, mit den hier lebenden Menschen über Politik zu reden. Ich beschließe, unsere SchülerInnen – ohne konkreten politischen Fokus – nach ihren Eindrücken zu fragen: Wie erleben sie unsere Ungarnreise? Was bewegt sie? Welche Erfahrungen und Eindrücke nehmen sie mit? Hier einige der O-Töne:

  • „Obwohl es dasselbe Land ist, in das wir vor einiger Zeit bereits gereist sind, ist diese Reise eine ganz neue Erfahrung. Es überrascht mich zu sehen, wie anders das Leben hier im Vergleich zu unserem Leben in Deutschland ist: Kleine Häuser, alles viel bescheidener. Kommunikation ist hier schwierig: Aber Google Translator hat uns sehr geholfen. Es war auf jeden Fall cool, die Leute wiederzusehen.“
  • „Es gibt deutliche Unterscheide zwischen den einzelnen, hier lebenden Familien. Generell sind die Ungarn sehr gastfreundlich. Die Sprache Ungarisch interessiert mich, da sie komplett anders ist als das, was wir kennen: Sie klingt völlig anders. Und Sprache spiegelt ja das Denken der Menschen wieder.“
  • „Gegenüber den Roma sind die Ungarn oft nicht sehr offen eingestellt. Aber ansonsten sind die Ungarn ähnlich wie wir, und sie reden auch offen über Politik.“
  • „Jüngere Schüler sollten die Chance haben, in kommenden Erasmus+ Projekten mitzuwirken. Es ist toll zu sehen, wie ein interkultureller Austausch stattfindet.“
  • „Das Reisen kann man nicht – z. B. durch das Lesen von Büchern über Ungarn – ersetzen.“
  • „Dieses Mal wurde unter den Mitwirkenden freiwillig zusammengearbeitet, und nicht aus Pflichtbewusstsein. Dies war bei den ersten Projekttreffen nicht immer der Fall. Jeder hat sich hier viel mehr eingebracht.“
  • „Langfristig werden auf jeden Fall viele Freundschaften entstehen.“

Als wir Budapest endlich erreichen, fällt sofort auf, dass wir in einer sehr westlich geprägten Stadt gelandet sind: Überall die Marken und Geschäfte, die wir auch von Deutschland her kennen, Globalisierung sei Dank. Die Menschen scheinen allerdings im Vergleich zu denen in Baktalórántháza, unserer ersten Station, fröhlicher zu sein. Es liegt irgendwie eine ganz andere Stimmung in der Luft. Macht der freiheitliche Lebensstil automatisch glücklicher? So einfach ist das nicht. Aber man sieht hier eine Gruppe von Skatern, die ihre Kunststücke üben, es wummert aus einer Boombox Hip Hop-Musik, viele der Cafés haben einen bewusst improvisierten, subkulturellen Charme, ähnlich wie diejenigen in Ost-Berlin. Im Zentrum der Stadt steht das Budapest Eye – ein immens großes Riesenrad, dem London Eye nachempfunden.

Erasmus Ungarn20 2019 04 01

Auf einem langen Spaziergang durch die Stadt nähern wir uns dem Donauufer. Dort stoßen wir auf eine endlos lange Reihe von aus Eisen gegossenen Schuhen – ein Symbol für die vielen, aus Budapest vertriebenen Juden, Opfer des NS Regimes. Auch das ist europäische Wirklichkeit. Und Verantwortung zugleich.

Erasmus Ungarn21 2019 04 01Erasmus Ungarn22 2019 04 01

Vor gefühlt jedem dritten öffentlichen Gebäude in Budapest weht die EU-Flagge im Wind – ausgerechnet vor dem Parlamentsgebäude hängt sie nicht. Wenn man weiß, was momentan in Europa los ist, verwundert dies nicht. Das wunderschöne Parlamentsgebäude, architektonisch eine Mixtur aus Westminster und Kreml, ist wunderschön. Unser erster Tag in Budapest geht langsam zu Ende.

Oliver Strucken-Bathke für das Erasmus+ Team, 03.04.2019